„Niemand weiss bis heute, was die ‘Alzheimer-Krankheit’ eigentlich genau sein soll”. Das Gespräch mit Cornelia Stolze.

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Cornelia Stolze ist Wissenschaftsjournalistin und schreibt seit mehr als 15 Jahren als Autorin und Redakteurin über aktuelle Themen aus den Bereichen Medizin, Biologie undCornelia Stolze foto Psychologie unter anderem für Zeitschriften und Zeitungen wie Die Zeit , die Wirtschaftswoche, den Stern und Spiegel Online.

Mehr Informationen: www.corneliastolze.de

 Wie ist es dazugekommen, dass Sie sich für die Problematik der Alzheimer-Krankheit interessiert haben?

Ich bin durch Zufall auf das Thema gestoßen. Als ich vor einigen Jahren für einen Artikel zum Thema „Handel mit Gewebeproben von Patienten und Probanden” recherchiert habe, erfuhr ich von einem Forschungsskandal in den USA, in den auch ein deutscher Alzheimer-Forscher verwickelt war – der Psychiatrieprofessor Harald Hampel, der damals an der Universitätsklinik München (LMU) tätig war. Dabei stellte sich heraus: Herr Hampel arbeitete an der Entwicklung von Früherkennungstests für die Alzheimer-Krankheit und propagierte diese Tests auch in der Öffentlichkeit. Damals galt allerdings, dass dieses Leiden zu Lebzeiten nicht nachweisbar ist. Ob ein Mensch die Krankheit habe oder nicht, so die Lehrbuchmeinung, sei erst durch eine mikroskopische Untersuchung des Hirngewebes nach dem Tod sicher festzustellen. Als ich Herrn Hampel damals fragte, ob er die Aussagekraft und Zuverlässigkeit seiner Tests denn auch durch diese pathologischen Untersuchungen überprüfte, sagte er nein. Er behauptete, das sei nicht nötig. Mich erstaunte damals, dass man als Forscher tatsächlich so unwissenschaftlich arbeiten kann – ohne, dass man entlarvt wird. Da ich mir anfangs selbst nicht sicher war, ob mir irgendwelche Informationen zum Verständnis dieser Arbeiten fehlte, befragte ich viele andere Experten. Und je mehr ich recherchierte, desto größer wurde der Morast, den ich dabei entdeckte.

Wo liegt Ihrer Meinung nach das grundlegende Problem mit der gängigen Definition der Alzheimer-Krankheit?

Das grundlegende Problem ist, dass bis heute niemand weiß, was die „Alzheimer-Krankheit” eigentlich genau sein soll. In der Tat gibt es keine klare Definition dieser Krankheit. Niemand kennt die Ursachen. Die führenden Experten vertreten hier die unterschiedlichsten Theorien und widersprechen sich nicht nur untereinander, sondern zum Teil auch in dem, was sie selbst in der Öffentlichkeit verkünden. Fakt ist, dass keine klaren Kriterien gibt, mit der man diese vermeintliche Krankheit von anderen Demenzformen unterscheiden könnte. Dabei gibt es zahlreiche ganz unterschiedliche Ursachen für die Entstehung von Demenz. In der Praxis wird häufig alles in einen Topf geworfen und einfach mit dem Etikett „Alzheimer” versehen – obwohl niemand weiß, woran der Patient wirklich leidet. Das Fatale daran ist: Viele Patienten erhalten deshalb nicht die richtige Behandlung, obwohl etlichen von ihnen nach der richtigen Diagnose geholfen werden könnte – und ihre vorherige, normale Hirnleistung wiedergewinnen könnten

Lässt es sich verorten, wessen Interessen es zuträglich war, die Alzheimer-Krankheit in der öffentlichen Wahrnehmung zu puschen?

Es gibt mehrere Gruppen, die von der Vermarktung der „Alzheimer-Krankheit” profitieren. Einige direkt, wie etwa Forscher, Pharmafirmen, Ärzte. Andere profitieren davon aber auch indirekt – weil das Etikett „Alzheimer” die wahren Ursachen mancher Demenzerkrankungen verschleiert. Nehmen Sie zum Beispiel die Alkohol-Hersteller. Diese ist sehr daran interessiert, die Folgen von Alkoholmissbrauch, der in vielen Ländern tausendfach geschieht, zu vertuschen. Dabei weiß man seit langem: Wiederholte Alkoholexzesse, wie man sie zum Beispiel von dem Schauspieler Harald Juhnke kannte, schaden nicht nur der Leber, sondern auch dem Gehirn. Eine der möglichen Spätfolgen ist das so genannte Korskoff-Syndrom, das mit genau den Symptomen einhergeht, die der „Alzheimer-Krankheit” zugeschrieben werden. Tritt dieses Leiden ist, ist es aber für alle Beteiligten angenehmer, den Betroffenen als Opfer einer schicksalshaften Erkrankung darzustellen – statt zuzugeben, dass die wahren Ursachen im Alkoholmissbrauch liegen. Die Profiteure sind hier zahlreich: Bier, Wein- und Schnapshersteller, die Werbewirtschaft, die Medien (z.B. TV-Sender, die von der Alkoholindustrie gesponsert werden), die Angehörigen (die jahrelang weggeschaut haben), der Betroffene selbst (der dann ja scheinbar keine Verantwortung für seine Krankheit trägt) usw.

In Ihrem Buch stellen Sie die These auf, dass die heutzutage in der Weite diagnostizierte Krankheit, auf einer medizinischen Fehldiagnose beruht. Inwieweit ist die Diagnose ein Effekt von „bad sience”, womit man in der Publizisstik jegliche unzuverlässige und Ergebnisse verdrehende Forschung bezeichnet?

Das Phänomen ist insofern auch die Folge von „bad science”, als zum Beispiel jene Studien, die zur Zulassung der auf dem Markt befindlichen Alzheimer-Medikamente geführt haben, aus meiner Sicht an einem Grundübel kranken: Wie will man die Wirkung eines neuen Medikaments testen, wenn man die zu behandelnde Krankheit weder zuverlässig diagnostizieren noch den Effekt der Therapie messen kann? Tatsächlich ist beides nicht möglich. Das geben sogar führende Alzheimer-Experten in Deutschland zu, zum Beispiel in der so genannten S3-Leitlinie Demenzen.

Die Stärken ihres Buches liegen in der Beobachtung wie das MedizinischeKomplex mit alten Menschen umgeht. Was liegt in diesem Bereich besonders im argen?

Verwirrte, verunsicherte alte Menschen sind für den medizinischen Komplex eine nahezu perfekte Zielgruppe: Sie sind häufig schwach, häufig einsam – und können sich (aufgrund ihrer Verwirrtheit) weder unabhängig informieren noch wirkungsvoll wehren. Gerade für die Psychiatrie, die sich für das Thema Alzheimer zuständig fühlt, eröffnet sich damit ein riesiges Betätigungsfeld. Denn die Diagnosen in diesem Fachgebiet sind fast alle schwammig und deren Definition damit fast beliebig dehnbar. Eine einmal gestellte Diagnose lässt sich kaum widerlegen und wird in den seltensten Fällen revidiert.

Immer wieder hört man von bevorstehenden oder gerade erfolgten Durchbrüchen in der Behandlung der „Alzheimer-Krankheit“. Sie schreiben jedoch, dass diese Fortschritte eine Illusion seien. Warum bleibt die Medizin, trotz der Milliarden schweren Forschung, hilflos?

Meinen Recherchen zufolge bleibt die Medizin auf diesem Gebiet vor allem deshalb hilflos, weil hier in weiten Teilen schlechte, unsaubere Forschung gemacht wird. Viele derjenigen, die hier tätig sind, gehen nicht wirklich wissenschaftlich vor (siehe meine Erläuterungen zum Thema Früherkennungs-Tests). Die betroffenen Forscher stellen ihre eigenen Hypothesen nicht in Frage – selbst, wenn ihre Forschungsergebnisse immer wieder ins Leere laufen. Sie gehen häufig von einem Krankheitsmodell aus, das sich längst als irrig erwiesen hat – und forschen weiter in diese Richtung, statt zuzugeben, dass die Richtung höchstwahrscheinlich falsch ist. Fest steht jedenfalls: Von „Durchbrüchen” kann nicht die Rede sein. Auch wenn das noch so oft erzählt wird. Durch Wiederholung wird es nicht wahrer.

Wie ist ihr Buch in den interessierten Kreisen aufgenommen worden?

Seit dem Erscheinen von „Vergiss Alzheimer!” ist einiges in Bewegung geraten. Zahlreiche Zeitungen, Zeitschriften, TV- und Hörfunk-Redaktionen haben über die in diesem Buch aufgedeckten Missstände bei der Diagnostik und Behandlung von Demenzen berichtet. Viele Angehörige von Betroffenen, Sozialarbeiter, Psychologen, Pfleger, Betreuer und Ärzte, die tagtäglich mit Demenzkranken zu tun haben, erkennen darin eigene Erfahrungen wieder. Das zeigt eine Vielzahl von Leserbriefen und E-Mails, die in den vergangenen Monaten eingegangen sind. „Endlich ein aufklärerisches Werk zu Alzheimer, das sich wunderbar ergänzt mit meinen Erfahrungen als Untersucher im Kompetenznetz Degenerative Demenzen”, schreibt etwa der Psychologe Thomas Zimmermann vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. „Ich wünsche mir, es öffnet vielen Leuten die Augen”.

Der Druck auf die Verantwortlichen, die Missstände zu beheben, ist damit gewachsen – und zeigt Wirkung. Manch einer der genannten Forscher und Mediziner ist mittlerweile nicht mehr in dem genannten Amt. Das betrifft unter anderem den Mediziner Harald Hampel. Jahrelang galt der Psychiater als Star der deutschen Alzheimerforschung. Immer wieder schmückte sich auch die Universität Frankfurt, an der Hampel Anfang 2010 als Leiter der Klinik für Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik tätig war, mit dessen „bahnbrechenden Forschungsergebnissen” und seinem „internationalen Rang”.

Doch am 22. März 2012 wurde Harald Hampel fristlos entlassen. Der Vorstand der Klinik zog damit nicht nur einen Schlussstrich unter eine Krise, die monatelang an der von Hampel geleiteten Klinik geschwelt hatte. Zahlreiche frühere Mitarbeiter hatten dem Psychiater Mobbing vorgeworfen. Er habe ihnen unter anderem Räume und Arbeitsmittel entzogen und gedroht, Verträge nicht zu verlängern. Unliebsame Kollegen habe er systematisch schikaniert. Mit der Entlassung des damals 47-Jährigen trennte sich der Klinikvorstand auch von einem Mediziner, der sich mit Hilfe enger Kontakte zur Industrie an die Spitze der Alzheimerforschung vorgearbeitet hatte, obwohl seine wissenschaftliche Arbeit im Zwielicht steht.

Auch innerhalb der DGN wächst das Problembewusstsein. Das zeigt eine kürzlich gegründete Initiative namens „Neurology-First”. Mehrere Hundert Mitglieder der DGN rufen ihre Fachgesellschaft darin zu grundlegenden Reformen auf. Um die „professionelle Autonomie” der Ärzte zu stärken, müsse das wissenschaftliche Fortbildungsprogramm der DGN von der pharmazeutischen Industrie entkoppelt werden. Zudem brauche man innerhalb der DGN eine „Gewaltenteilung zwischen Ärzten, die mit der Industrie kooperieren und solchen, die die Leitlinien verantworten”. Sprich: Wer Interessenkonflikte habe, könne nicht Autor einer DGN-Leitlinie sein. Es gehe schließlich darum, „unsere Patienten vor Fehlbehandlung zu schützen und den Verdacht finanziell motivierter Empfehlungen gar nicht erst aufkommen zu lassen”.

Interessant ist auch: Bis heute hat keiner der in »Vergiss Alzheimer!« genannten Forscher, Mediziner oder Arzneimittelhersteller die Irreführung, die falschen Versprechen oder die Tricks der Geschäftemacher in Sachen Alzheimer bestritten. Rechtliche Schritte gegen die Inhalte dieses Buchs blieben aus. Die Strategie dahinter ist offensichtlich: Bloß keinen Staub aufwirbeln! Fakt ist jedenfalls, dass führende Experten Interviews zu meinem Buch verweigern, dass sie mit dem Rechtsanwalt drohen, wenn Redaktionen über mein Buch und meine Erkenntnisse berichten wollen – und dass sie kurzfristig absagen, wenn sie an einer Podiumsdiskussion mit mir teilnehmen sollen.

Wir danken für das Gespräch

Das Gespräch führte Tomasz Gabiś. Wrocław (Breslau), Juni 2013

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Tomasz Gabiś był w latach 1982-1989 publicystą i współpracownikiem podziemnych czasopism wrocławskich „Region”, „Konkret”, „Nowa Republika”, „Ogniwo”, „Replika”, „Herold Wolnej Przedsiębiorczości”. W 1986 r. należał do założycieli ukazującego się poza cenzurą pisma konserwatystów i liberałów „Stańczyk”. W latach 1986-1989 roku był publicystą i redaktorem naczelnym „Kolibra” – autonomicznej, wrocławskiej części „Stańczyka”. W latach 1990-2004 był redaktorem naczelnym „Stańczyka”. Autor książki Gry imperialne (Wydawnictwo Arcana, Kraków 2008) Przetłumaczył z języka niemieckiego następujące książki: Erik von Kuehnelt-Leddihn, Przeciwko duchowi czasu, Wektory, Wrocław 2008, Josef Schüßlburner, Czerwony, brunatny i zielony socjalizm, Wektory, Wrocław 2009, Roland Baader, Śmiercionośne myśli. Dlaczego intelektualiści niszczą nasz świat, Wektory, Wrocław 2009. Gerhard Besier, Stolica Apostolska i Niemcy Hitlera, Wydawnictwo Naukowe PWN, Warszawa 2010. Jürgen Roth, Europa mafii, Wektory, Wrocław 2010. Bruno Bandulet, Ostatnie lata euro, Wektory, Wrocław 2011. Philipp Ther, Ciemna strona państw narodowych. Czystki etniczne w nowoczesnej Europie, Wydawnictwo Poznańskie, Poznań 2012. Reinhard Lindner, Menedżer Samuraj. Intuicja jako klucz do sukcesu, Kurhaus Publishing, Warszawa 2015. Jana Fuchs, Miejsce po Wielkiej Synagodze. Przekształcenia placu Bankowego po 1943 roku, Żydowski Instytut Historyczny, Warszawa 2016. Maren Röger, Ucieczka, wypędzenie i przesiedlenie. Medialne wspomnienia i debaty w Niemczech i w Polsce po 1989 roku, Centrum Studiów Niemieckich i Europejskich im. Willy`ego Brandta Uniwersytetu Wrocławskiego, Wydawnictwo Nauka i Innowacje, Poznań 2016. Pełny życiorys tutaj: http://www.tomaszgabis.pl/zyciorys/

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